Fahrrad

Blinder Passagier

Tandemclub

Damit auch Sehbehinderte eine Radtour genießen können, braucht es ein Tandem und einen Piloten. Um beides kümmert sich in Offenbach ein Verein.


Ikram Alaamri hat große blaue Augen. Sie sehen nichts, haben noch nie gesehen. Trotzdem liebt sie es, Fahrrad zu fahren – Wind im Haar und Sonne auf der Haut spüren, die Vögel zwitschern hören, den Main riechen. Weil es allein nicht geht, fährt die 38 Jahre alte Marokkanerin im Tandemclub Offenbach mit. In dem 1989 gegründeten Verein fahren „Piloten“ mit Blinden oder Sehbehinderten im Team. Alle zwei Wochen unternehmen sie einen Tagesausflug in die Umgebung, unter der Woche treffen sie sich zu kürzeren Feierabendtouren.

Heute kommen Alaamri und zwei andere blinde Frauen eine halbe Stunde zu spät. Am Marktplatz Offenbach hatten sie den Busfahrer gefragt, ob er die Linie 105 fahre. „Ja, ja“, hatte er geantwortet. Statt am Waldschwimmbad in Offenbach landeten sie allerdings in Neu-Isenburg. „Solche Dinge muss man als Blinder locker nehmen, sonst ist man irgendwann reif für die Klapsmühle“, sagt eine der drei. Noch schnell wird die Sattelhöhe eingestellt, dann geht es los.

„Ich fahre schon, seit ich klein bin“, sagt Alaamri, als könnte dann ja nichts mehr schiefgehen. Auf den ersten Metern fühlt sich Tandemfahren allerdings an, als würde man einen Getränkekasten auf dem Gepäckträger und schwere Einkaufstüten am Lenker transportieren. Ein paar Pedalumdrehungen später geht mit einem Mal alles leicht, als ob ein Elektromotor schieben würde. Alaamri will die anderen vier Tandems überholen. Sie fährt nicht gern an letzter Stelle. Mit einem Lächeln zieht sie an ihren Mitfahrern vorbei, von denen fast alle ein gelb-grünes Vereinstrikot, Radlerhosen und Helm tragen. Alaamri trägt Jeans und Jeansjacke, für einen Helm ist sie zu eitel, sagt sie.

Fragen zu ihrer Blindheit beantwortet Alaamri, als würde man fragen, was sie zu Mittag gegessen habe. Fragen beantworten ist auch ihr Beruf. Alaamri arbeitet im Frankfurter Dialog-Museum. Dort führt sie kleine Gruppen durch die stockdunklen Ausstellungsräume, zeigt ihnen, was es heißt, nichts zu sehen, aber auch, was die anderen Sinne leisten können, wenn die Augen nicht weiterhelfen. Sie freut sich, wenn Besucher sie zu ihrem Alltag befragen. Manchmal ist sie aber auch schockiert, für wie unselbständig Blinde gehalten werden.

Eine Lehrerin fragte sie einmal, ob es spezielle Anziehsachen gebe, die nicht so schnell dreckig werden. Ein Schüler wollte wissen, ob sie sich überhaupt duschen könne. „Duscht du nur mit den Augen?“, fragte sie zurück. Nein, musste er zugeben. „Aber wie unterscheiden Sie Duschgel und Shampoo und woher wissen Sie, ob Sie noch Seife am Körper haben?“ – „Ich kann riechen und ich kann fühlen“, sagt sie dann.

Manchmal verabschieden sich die Besucher am Ende mit „Auf Wiedersehen“ und entschuldigen sich im gleichen Atemzug: „Oh, das kann man bei Ihnen ja gar nicht sagen.“ Aber Alaamri besteht darauf, dass man das auch zu ihr sagt. „Sich sehen bedeutet doch viel mehr als nur sehen“, sagt sie. Nämlich sich austauschen, lachen, Zeit miteinander verbringen. „Wenn man den anderen nur sehen will, könnte man sich ja auch einfach ein Foto ansehen.“ Alaamri mag ihre Arbeit, den Kontakt zu anderen Menschen. Sie mag zeigen, dass Blinde nicht so anders leben, wie viele denken. Und sie ist froh, dass sie überhaupt Arbeit hat und nicht von „Papa Staat“ leben muss. Aber sie fühlt sich auch zunehmend unterfordert. Seit zehn Jahren arbeitet sie im Dialog-Museum. Sie hat Soziale Arbeit studiert, aber nie einen Job gefunden, in dem sie anwenden konnte, was sie gelernt hat. „Jetzt fehlt mir natürlich auch die Berufserfahrung in dem Bereich“, sagt sie. Doch Alaamri ist niemand, der sich schnell abfindet. Zwei bis drei Bewerbungen schreibt sie im Monat. Wenn überhaupt eine Antwort kommt, ist es eine Standardabsage. Dabei wäre sie für bestimmte Jobs durchaus geeignet, sagt sie, zum Beispiel als Beraterin im Sozialen Dienst eines Krankenhauses.

Das Tandem fahren ist für sie ein wunderbarer Ausgleich. Bei den Touren fährt Alaamri mit, so oft es geht. Allerdings ist der Andrang im Museum am Wochenende besonders hoch, so dass sie zu den Tagesausflügen nicht immer frei bekommt. Manchmal ist es auch schwer, genug Piloten zu finden.

Pilot werden kann jeder, der sicher Fahrrad fahren kann, heißt es auf der Website des Tandemclubs. Bevor es das erste Mal auf Tour geht, wird das Tandemfahren geübt. Auch Blinde und Sehbehinderte, die noch nie Tandem gefahren sind, können es im Verein erlernen. Wer regelmäßig mitfahren möchte, muss in den Verein eintreten. Piloten ist eine Mitgliedschaft freigestellt.

Der Verein freut sich immer über neue Piloten, auch wenn sie nur ein paar Mal im Jahr mitfahren. Der Vereinsvorsitzende Johannes Bosten, der wegen seiner sehbehinderten Frau zum Tandemclub gekommen ist, macht eine Einschränkung: „Piloten sollten Spaß am Radfahren haben und Lust haben, neue Leute kennenzulernen – wir sind ein Sportverein und keine Selbsthilfegruppe.“

Nach gut zwei Stunden durch Wälder, Wiesen und Felder, vorbei an klaren Bächen, Schrebergärten und Schloss Heusenstamm, tauchen die Tennisplätze im Süden Offenbachs wieder auf, wo der Tandemclub seine Räder unterstellt. „Ah, wir sind gleich da“, sagt Alaamri und hört auf zu treten. Sie hat es am Pizzageruch gemerkt, der aus der Sportgaststätte steigt.

Erschienen in der F.A.Z. (September 2015)