Fahrrad

Sonst müsste man ja das ganze Leben absagen

Radrennen

Obwohl das Frankfurter Radrennen nicht stattfand, fuhren hunderte Hobbyradler trotzdem. Andere ärgerten sich, dass sie es nicht gewagt haben.

So leer und still ist der Frankfurter Opernplatz am 1. Mai seit Jahrzehnten nicht gewesen. Es ist das Ende eines Rennens, das offiziell nicht stattgefunden hat. Es fehlen die Bratwurstbuden, die Stände der Radsportvereine, die Einheizermusik, die Sponsorenbanner – und die Tausenden von Menschen, die sonst immer zum Anfeuern ans Ende der Strecke kommen. Die Sportveranstaltung „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ ist am Abend zuvor wegen eines mutmaßlich geplanten Bombenanschlags abgesagt worden. Doch viele Hobbyradler, die sich darauf gefreut hatten, beim Jedermannrennen mitzufahren, sind trotzdem gekommen.

Am Ende der Strecke stehen sie nun also auf dem Opernplatz herum. Sie lehnen sich gegen ihre Alu- und Karbonräder, in ihren Augen liegt unentschlossene Entschlossenheit. Was tun mit diesem angebrochenen Feiertag? Noch nicht einmal ein alkoholfreies Weizen gibt es.

Etwas abseits steht ein vierzehn Jahre alter Junge mit seinen Eltern. Er trägt Helm und Vereinstrikot und sitzt auf seinem Rad, als wollte er jeden Moment losfahren. Er war für das Jedermannrennen angemeldet und hat dreimal in der Woche zwei Stunden dafür trainiert. Seit vier Jahren ist der Junge im Verein, seit drei Jahren fährt er am 1. Mai mit. Diesmal sind der Junge und sein Vater lieber nicht an den Start gegangen, aus Angst vor Mittätern und Trittbrettfahrern. „Als Mutter war mir das nur recht“, sagt die Mutter. „Als Vereinsmitglied finde ich es sehr, sehr traurig.“ Sie seien aus Solidarität hergekommen. „Es ist traurig, den Platz so zu sehen.“ Und es sei ein merkwürdiges Gefühl, in dem, was man in seiner Freizeit tun möchte, so beschnitten zu werden. „Ich kann das überhaupt nicht verstehen: Das Ehepaar hat doch selbst Kinder und lebt mitten in unserer Gesellschaft.“ Der Vater wäre im Nachhinein lieber doch mitgefahren. „Vielleicht war meine Reaktion zu hysterisch. Vielleicht hätte ich Flagge zeigen sollen.“ Aber wenn doch was passiert wäre? Was tut man, was lässt man heutzutage lieber? Schließlich böten Massenveranstaltungen immer ein gutes Ziel für Terroristen. „Aber so denke ich eigentlich gar nicht“, sagt der Mann. Nächstes Jahr werden sie sich wieder anmelden. „Man kann ja auch nicht alles absagen, sonst müsste man ja das ganze Leben absagen.“

Anders als die Familie hat ein 54 Jahre alter Mann mit rot gepunktetem Trikot nicht gezögert, als er hörte, dass viele Radler trotz des abgesagten Rennens an den Start gehen wollten. Dass eine Bombe ihn verletzen oder töten könnte, daran dachte der Physiotherapeut mit dem Rennrad nicht. Für ihn war das Ersatzrennen ein Ventil, um Wut und Enttäuschung abzubauen. „Es war schön, dass so viele Leute zusammengekommen sind, um zu zeigen, dass wir uns vom Terror nicht einschüchtern lassen.“ An einigen Stellen seien sogar Zuschauer gekommen, um den Radlern zuzujubeln. Die Autofahrer hätten geduldig gewartet, viele hätten den Trotzradlern zugelächelt und die Daumen hochgehalten. Der Mann sagt: „Passieren kann mir überall was. Deswegen werde ich mich aber nicht in der Wohnung verschanzen.“ Die Entscheidung, das Rennen abzusagen, versteht er trotzdem.

Zwei großgewachsene, drahtige Männer Mitte vierzig tragen die hellgrünen Trikots der Veranstalter. Gleich wollen sie noch auf den Feldberg. Beim Jedermannrennen mitgefahren sind sie nicht. Sie bedauern das nun. Hinterher sei man immer schlauer, sagt der eine. Aber vorher überlege man sich schon, was einmal auf dem Grabstein stehen soll: „Er war mutig“ oder doch lieber „Das Attentat hat er überlebt“? Sein Sportsfreund aus Holland wollte aus anderem Grund nicht: „Ich war so sauer“, sagt er. Seit November sitze er auch bei schlechtem Wetter zwei, drei Stunden im Sattel, um beim Frankfurt-Eschborn-Rennen möglichst vorn mit dabei zu sein. „Das ist ein Anschlag auf die Freiheit der Menschen.“ Dieses Gefühl bleibe zurück. Vielleicht wird der Niederländer bald bei einem anderen Radrennen in Köln an den Start gehen – das angestaute Adrenalin müsse schließlich raus. Doch da könne dasselbe passieren. Oder bei der Tour de France. Radrennen könnten schließlich viel schlechter gesichert werden als Fußballstadien. Dass die Veranstaltung abgesagt wurde, sehen die beiden Freunde zwiegespalten. Natürlich gehe die Sicherheit vor. Doch die Terroristen hätten durch die Absage auch viel Aufmerksamkeit erhalten. Am Schluss sagt der eine noch: „Immerhin: Sie wollten Tote. Die haben sie zum Glück nicht bekommen.“

Erschienen in der F.A.S. (3. Mai 2015)