Fahrrad

Von Frauen und Rennrädern

Gegenlicht

Vom zarten Wachsen einer Liebe und der Einsicht, dass Männer manchmal genau den richtigen Geschmack haben

In einem Bogen schwinge ich mein rechtes Bein über das Hinterrad, mein Po landet auf dem harten Sattel. Ich stecke meinen Turnschuh in die Fußschlaufe und trete los. Der Lenker eiert hin und her. Ich versuche, mit den Händen gegenzusteuern, mit jeder Kurbelumdrehung wird er ruhiger. Ich trete und trete und trete und die Räder drehen sich immer schneller und immer schneller. Jetzt will er nur noch geradeaus. Der Fahrtwind hält mir die Ohren zu und presst Tränen aus meinen Augen. Die Bäume am Straßenrand wischen an mir vorbei. Der grobporige Asphalt verschwimmt zum Einheitsgrau, doch ich spüre die Straße, als würde ich barfuß laufen. Über ein paar Quadratzentimeter Reifenkontakt morst sie ihre Informationen an meinen Körper. Wie ein Fließband zieht der Asphalt unter mir hinweg. Wenn man einmal mit dem Rennrad gefahren ist, kann man nicht mehr zurück.

Wie alle halbwegs coolen Teenager fahre ich Mitte der 90er Jahre ein Mountainbike. Die Straßenverhältnisse einer deutschen Großstadt erfordern das zwar nicht unbedingt. Aber damals muss es einfach ein Rad mit Stollenreifen und Hörnergriffen sein und 21 Gängen – mindestens. Dann nehmen mich ein paar Jungs auf eine Rennradtour mit. Mein Mountainbike und ich keuchen um die Wette. Die Stollen scheinen sich wie Octopusarme am Asphalt festzusaugen. Ich falle zurück, die anderen zischen schwerelos dem Horizont entgegen.

Seither bewundere ich Jungs mit Rennrädern. Das ist nicht schwer: Jungs mit Rennrädern sind ohnehin meistens cool. Sie lieben ihre Rennräder, ohne sich lächerlich zu machen. Wenn der Weg etwas sandig wird, steigen sie ab und schultern es, bis der Weg wieder tadellos ist; sonntags schrauben sie Komponenten ab, putzen die Zahnkränze mit Zahnbürsten und polieren die Felgen, obwohl sie es bei Regen ohnehin nicht fahren; und natürlich wohnt ihr Rad – vor Feuchtigkeit und Ganoven geschützt – in ihrem Zimmer. Ihre Liebe ist einfach unantastbar.

Drei Jahre lang fällt mir nichts anderes ein, als diese Jungs zu bewundern. Ich kenne keine Mädchen mit Rennrädern. Ich kenne noch nicht mal Mädchen, die Räder „mit Stange“ fahren dürfen. Eltern finden das aus unerfindlichen Gründen gefährlicher als für Jungs – ein Vorwand für eine hartnäckige Konvention aus längst vergangenen Zeiten. Ich selbst komme nicht auf die Idee, ein Rennrad besitzen zu wollen. Ich habe das Gefühl, dass es zu gut, zu grazil ist, dass meine Liebe nicht ausreicht, um es vor meinem Fahrstil zu beschützen. Außerdem traue ich mich nicht einen Jungen zu fragen, ob ich mal seine Heilige Kuh reiten darf. Erst als ich 19 bin, bietet mir jemand seins an. Ich jobbe für ein paar Wochen in der Pampa. Um abends ins 13 Kilometer entfernte Dorf zu kommen, darf ich das ausgediente Rennrad vom Chef nehmen. Seit diesem Tag will ich nicht mehr ohne leben.

Wieder in der Stadt telefoniere ich die Gebrauchtfahrradläden ab und nehme das einzige, das ich auftreibe: ein Peugeot-Rennrad. Seine schlanken Stahlrohre fügen sich in einer feinen Geometrie ineinander. Es ist viel zu groß, aber das sagt mir der Fahrradhändler nicht. Es hat schon ein paar Kratzer im silber-türkisen Lack, doch das mindert seine Schönheit nicht. Es ist mein Rennrad. Kein Drahtesel, sondern ein Windhund aus Stahl. Fortan fahre ich Bürgersteige nur noch langsam runter und es darf jede Nacht in meinem Zimmer schlafen, obwohl ich im vierten Stock wohne.

Es wundert mich nicht, dass die Leute meinem Rennrad nachschauen wie einer schönen Frau. Ich himmle es selbst ständig an: Wenn ich es am Sattel schiebe und der Lenker folgsam in die gewollte Richtung steuert; wenn ich an einem Schaufenster vorbeifahre und wir uns darin spiegeln und wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und mich vergewissere, dass es immer noch da ist. Und ich bin mir sicher, es ist eitel. Mit puristischer Arroganz blickt es auf seine verkehrstauglichen Artgenossen herab und scheint zu sagen: „Ich brauche keine Klingel, keine Schutzbleche, kein Licht. Ich bin de Luxe.“

Dann entdecke ich einen Laden, der auf klassische Rennräder spezialisiert ist. Die schlichten Schönheiten aus Italien von De Rosa, Milanetti und Olmo tragen ihre stolzen Namen eingraviert. Ihre Stahlrohre münden in geschwungene Muffen. Die ehemals technische Notwendigkeit ist zum Kunstwerk erhoben und mit kleinen Symbolen verziert oder verchromt. Sie sind alle tausendmal schöner als meins. Dagegen erblasst mein Peugeot und wird zu dem, was es ist: einem „herkömmlichen Industrierad mit Standardausführung“, wie jemand sehr Unsensibles, der sich damit auskennt, mein Rad beleidigt. Warum folgen uns die Augen trotzdem, als würde ich auf dem Rücken eines Panthers lautlos durch die Menge jagen?

Durch den Laden lerne ich neue Rennradverliebte kennen – alle männlich. Rennradfahren, das ist eine Männerdomäne. Aber sie lassen mich gerne in ihrem Revier herumstreunen. Ob Männer mit einem Rennrad liiert sind, erkennt man schon von weitem: Sie haben einen  definierten Hintern und krempeln ihr rechtes Hosenbein schon gar nicht mehr runter. Sie tragen Klickschuhe, um beim Fahren mit ihrem Liebling zu verschmelzen.

Ihre Augen glänzen, wenn ich mit ihnen einen verzierten Zahnkranz bei Ebay bestaune; sie geraten in Verzückung, wenn ich mich für die blank polierten Naben, Schaltwerke und Bremshebel von Campagnolo begeistere, die sie für ihre Facebook-Fotoalben ins rechte Licht gerückt haben; und sie schimpfen mit mir, wenn mein Rad vor Dreck starrt und meine Kette knirscht, weil ich durch den Regen gefahren bin. Etwas nachsichtiger sind sie, wenn ich mir versehentlich einen Achter ins Hinterrad gehauen habe. Sie drehen hier und da an einem Speichennippel herum. Ich dachte, so was können nur Fahrradmechaniker.

Mit der Zeit lerne ich herkömmliche Modelle von leidenschaftlicher Radbaukunst zu unterscheiden. Rennräder sind längst nicht mehr nur auf einsamen Landstraßen zu Hause. Eine Retrowelle hat bildschöne Kellerfunde zu Tage gefördert. Und wenn ich heute mit geschultem Blick die liebevollen Details entdecke, geht auch mir das Herz auf. Aber die technische Hingabe eines Mannes zu seinem Rennrad bleibt einfach unerreichbar.

Und zu schön sollte mein Rad auch lieber nicht sein. Viel zu laut fühle ich mich von ihm aufgefordert es zu fahren, und dann kann ich keine Eitelkeiten gebrauchen. Oft fährt mein Rad ohnehin eher mich als umgekehrt. Besonders gerne provoziert es Männer beim Training. Ein beiläufiges Überholmanöver lassen die wenigsten auf sich sitzen. Sie hängen sich in meinen Windschatten und testen wie lange ich mein großspuriges Tempo durchhalte, um mich dann leichtfüßig abzuhängen. Ich trete in die Pedale, was mein adrenalingeladener Körper hergibt.

Meine Lungenflügel flattern, meine Oberschenkel laufen heiß, aber ich drehe mich nicht um, tue so als würde ich nicht wissen, welches Spiel wir gerade spielen. Die Kilometer im Fahrtwind sind hart erkämpft. Ich laufe zur Hochform auf: Mein Wille jagt meine Kraft und meine Kraft jagt das schnellste selbstangetriebene Fortbewegungsmittel an die Grenze seiner Physik. Ich bin völlig niedergekämpft, aber in mir weicht der Anspannung ein tiefer Frieden. Rennradfahren ist einfach meine liebste Droge.

In solchen Situationen frage ich mich, warum es Frauen-Rennradfahren noch nicht zum Breitensport geschafft hat. Während Frauen-Fußball und -Biathlon längst im Fernsehen übertragen werden, gibt es im Radsport kein Pendant zur Tour de France. Bei den Olympischen Spielen dürfen sie zwar seit den 80er Jahren bei Straßen- und Bahnradrennen teilnehmen, aber kennt jemand auch nur einen Namen einer Siegerin? Immerhin sind Frauen auf Rennrädern inzwischen keine Seltenheit mehr. Junge Städterinnen haben das Rennrad als Lifestyle längst entdeckt. Seit zwei Jahrzehnten gibt es spezielle Damenmodelle aus Aluminium und Karbon, doch die werden vor allem von ambitionierten Sportlerinnen gekauft. Bei den meisten Frauen geht die Oldschool-Ästhetik vor.

Und wenn man den Grazien auf ihren restaurierten Bianchi-Rennern so hinterher schaut, ist es eigentlich auch kein Wunder, dass man es tut. Frauen sehen auf Rennrädern einfach noch besser aus als Männer. Technik, Sport und Weiblichkeit – der Geschmack von Männern ist manchmal gar nicht so verkehrt.

Erschienen in Das Magazin (Mai 2012)